Los Angeles: KirchenbürgerInnenrechtediskussion auf nicht-katholischem Boden

Los Angeles-Pasadena, 02-05-2013 (© Gabrielle Canon/NCR)

Los Angeles-Pasadena, 02-05-2013 (© Gabrielle Canon/NCR)

In L.A. waren es wieder MItglieder von Dignity, der Gemeinschaft homosexuell Orientierter in der Kirche, die die Conversation des „Catholic Tipping Point“ organisiert haben. Da saßen sie nun mit den fast 200 Menschen in der Morrison Hall der Westminster Presbyterian Church in Passadena. Die um Annahme durch die Kirche kämpfenden Homosexuellen mit ihren katholischen Glaubensschwestern und -brüdern, deren offene Diskussion von Kirchenreformanliegen auf „katholischem Boden“ seitens der Bischöfe nicht erwünscht ist.

Da ließ die Versammlung erstaunt aufhorchen, was ich vom Vorhaben eines Papstes erzählte, eine „Lex Eccclesiae Fundamentalis“ zu schaffen: Ein Grundgesetz, eine Art Verfassung für die Kirche mit Grundrechten für die Getauften, für das Kirchenvolk. Es war in den späten Neunzehnhundertsechzigerjahren, also kurz nach dem Abschluss des II. Vatikanischen Konzils. Und es war Papst Paul VI., der damals offensichtlich eine wichtige Konsequenz aus der Wiederentdeckung des „Volkes Gottes“, des „Kirchenvolkes“ auf dem II. Vatikanischen Konzil ziehen wollte. Wenn nämlich dieses wiederentdeckte „Kirchenvolk“ nicht weiterhin eine schweigende Herde bleiben sollte, dann mussten ihm Grundrechte in dieser Kirche zugestanden werden. Grundrechte, die der Würde der Getauften entsprechen müssten: Ihrer Begabung mit dem Geist Gottes. Ihrer Fähigkeit und Verpflichtung zu Mitverantwortung, Mitentscheidung und Mitgestaltung in der Kirche. Ihrem Anspruch auf Rechenschaft der Kirchenleitung, auf Kontrolle derer, denen Vollmachten anvertraut sind. Alles nichts Neues für die Kirche, wenn man auf die Jahrhunderte alte „Verfassungskultur“ in den Klöstern und Ordensgemeinschaften schaut – oder auch auf die Anfänge der Kirche. Es würde also gar keiner Nachahmung der ach so bösen weltlichen Demokratie bedürfen, wie sie von konservativistischer Seite so heftig befürchtet wird. Es ginge einfach nur um Respekt vor den Menschen in der Kirche auf der Basis des christlichen Menschen – und Gesellschaftsbildes, das vom Lehramt der Kirche so gerne nach außen verkündet und zugleich innen so skandalös missachtet wird.

Was aus dem Projekt Papst Pauls VI. geworden ist? Es wurde unter Johannes Paul II. beendet. Vermutlich, weil der vatikanischen Kurie klar geworden sein dürfte, dass eine solche Kirchenverfassung „the boat rocken“ würde, wie man im Englischen gerne sagt.

Dieses Projekt aber wieder in Gang zu bringen, müsste zu den wichtigsten Anliegen der Kirchenreformbewegten gehören. Ohne eine solche Grundrechteordnung werden Kirchenreformerwartungen und -forderungen letztlich immer nur hilflose Bitten an die Spitze der absolutistischen Kirchenmonarchie bleiben.

Deshalb empfiehlt die Pfarrer-Initiative den Kirchenmitgliedern, von sich nicht nur als von „Laien“ zu sprechen, sondern auch als von „Kirchenbürgerinnen“ und „Kirchenbürgern“. Der Epheserbrief im Neuen Testament spricht von den Getauften als von „Mitbürgern der Heiligen und Hausgenossen Gottes“. Und „Bürger“ und „Bürgerin“ sein, heißt, sich mitverantwortlich zu wissen und über die Rechte für die Ausübung dieser Mitverantwortung zu verfügen – eben über KirchenbürgerInnenrechte. Daher müsste eine Kirchenreformbewegung zugleich auch eine KirchenbürgerInnenrechtsbewegung sein.

Los Angeles-Pasadena, 02-08-2013 (© Gabrielle Canon/NCR)

Los Angeles-Pasadena, 02-08-2013 (© Gabrielle Canon/NCR)

In der Halle in Passadena war man ziemlich verdutzt darüber, in Amerika von einem Österreicher zur Formierung eine BürgerInnenrechtsbewegung aufgefordert zu werden. Aber wovon hier die Rede war, darüber wussten die Mitglieder der Homosexuellengemeinschaft Dignity – zusammen mit denen, die mit ihrer offenen Diskussion von Kirchenreformthemen auf „nicht-katholischen Boden“ ausweichen – doch ziemlich genau Bescheid.

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San Diego: Kirchenvisionen am Pazifik – und im Pick-up

Schüller mit Mike Crowley und Evi Quinn von Call to Action San Diego vor der "Conversation Hall", 31-07-2013

Schüller mit Mike Crowley und Evi Quinn von Call to Action San Diego vor der „Conversation Hall“, 31-07-2013

„Die ahmen das römische Weltreich nach“, bringt Mike, mein lokaler Betreuer in San Diego, seine Gedanken und Beobachtungen zum Thema „Kirche“ trocken und knapp auf den Punkt. „Ein Kaiser in Rom, und in den Provinzen Statthalter, die alles unter Kontrolle haben und den Zugriff auf die Ressourcen absichern müssen.“ Mike chauffiert mich gerade in seinem Pick-up für ein paar Stunden durch die Stadt. Ich sollte trotz der Kürze meines Aufenthaltes doch ein paar Eindrücke von hier mitnehmen. Das tut gut. Denn der Vortag war sehr dicht. Treffen mit Leiterinnen einer alternativen katholischen Gemeinde. Sie haben eine Ordinierung durch die Gemeinde entwickelt. Dann Interviews beim lokalen Radio und Fernsehen. Dann ein Gespräch mit Priestern. Und schließlich am Abend die Conversation in der First Unitarian Universalist Church Hall.

In dieser Conversation wiederum wird – wie in den anderen davor – das Ringen um eine Kirche als „communio“ spürbar, wie sie das II. Vatikanische Konzil vor Augen hatte. Diese Vision ist seither in vielen Gemeinden an der Basis Wirklichkeit geworden. „Communio“, die einlädt und nicht ausschließt. Die in der Feier der Eucharistie von Jesu Geist immer neu aufgebaut wird. Die sich nicht selbst genügt, sondern Kontakt zu denen „draussen“ sucht, Menschen in Not zu Hilfe kommen will und sich für deren Rechte einsetzt. Aber von „oben“ her wird ein anderes Bild spürbar – das des I. Vatikanischen Konzils im 19. Jahrhundert: nach dem Modell einer absolutistischen Monarchie von oben nach unten gedacht. Mit aller Macht oben bei der Hierarchie und so gut wie keiner unten. Und das nach wie vor, obwohl das II. Vatikanische Konzil vor mittlerweile 50 Jahren das Volk Gottes als „communio“ und das Amt des Papstes, der Bischöfe und der Priester als Dienst an diesem Volk wiederentdeckt hat.

Mike, mein Begleiter durch San Diego, hat auch Hoffnung. Die Vision des II. Vatikanischen Konzils von Kirche wird an der Basis der Kirche weiterhin gelebt. Und da sei auch „Pope Francis“, dessen Worte über die Kirche schon wieder mehr nach dieser Vision klingen würden, als wir das in den letzten Jahrzehnten hören konnten, meint Mike. „Well, let’s see…“

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Reuters berichtet

Die weltweit größte internationale Nachrichtenagentur, Reuters, berichtet in Brasilien, Indien, Lateinamerika und den USA über die US Speaking Tour:

Reformist priest praises pope’s new tone but wants more
Reuters, 31-07-2013 – An Austrian priest who has stirred controversy in Europe with his challenge to Catholic church teachings on taboo topics suggested on Wednesday that women should be allowed to become priests and said that gays need justice, not just mercy…
>> Reuters India
>> Reuters América Latina
>> Reuters Brasil

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Denver: Ein Papstwort macht Hoffnung auf neue Wertschätzung

Ein guter Tag kann auch mit einem freundlichen Papstwort beginnen.“Wenn jemand homosexuell ist, den Herrn sucht und guten Willens ist: wer bin ich, dass ich da richten könnte?“ Immerhin einmal ein freundlicherer Ton, als sie ihn bisher von der Kirche gewohnt seien, meinten Terry und Brad. Sie sind Mitglieder von Dignity, einer Gemeinschaft homosexuell orientierter Menschen in der Kirche, und Organisatoren der Catholic Tipping Point – Conversation am Abend dieses Papstzitat-Tages. Eine seltsame Fügung.

In der Conversation, zu der auch viele Mitglieder von Dignity gekomme waren, war das Thema einer auch für homosexuell orientierte Menschen einladenden Kirche genau so präsent wie in den bisherigen Conversations. An diesem Abend in der Capitol Heights Presbyterian Church in Denver wurde es aber besonders konkret. Denn hier saßen viele Menschen, die darauf warten, dass die Kirche es wertzuschätzen beginnt, wenn sie ihre gleichgeschlechtlichen Partnerschaft aus christlicher Grundhaltung und Spiritualität zu leben versuchen, – und nicht selten auch glaubwürdig leben. 

Aus dieser Perspektive habe ich mich unlängst in einem Interview auf die zugespitzte „Homo-Ehe“ – Frage hin positiv geäußert und damit so manche Irritation und Aufregung ausgelöst. Natürlich gibt es dazu verschiedene Meinungen, und ich kann diesbezüglich auch nicht für die ganze Pfarrer-Initiative sprechen, weil wir uns dazu bisher keine gemeinsame Position erarbeitet haben. Für die weitere Diskussion gebe ich aber zu bedenken, ob es nicht Zeit wird für die Überwindung des Nullsummenspiel-Blickwinkels, demzufolge die Ehe zwischen Mann und Frau durch eine Ehe für Gleichgeschlechtliche auf jeden Fall abgewertet und beschädigt werden würde. Dann könnte das Thema sachlicher und gerechter diskutiert werden.    

 

 

 

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Cincinnati: Ein Aussitzenwollen der Kirchenreformbewegung wird nicht klappen

Cincinnati Standing_ovationSamstag nachmittags in der Fairview Clifton German Language School in Cincinnati. Das lokale Organisationsteam für The Catholic Tipping Point hatte  für die Conversation mit mir vorsorglich einen außerkirchlichem Ort gesucht, um nicht im letzten Moment umdisponieren zu müssen. Dafür hatte es aber auch keine PR-Unterstützung durch ein bischöfliches Veranstaltungsverbot gegeben und deshalb auch weniger Vorausmeldungen in den Medien. Jetzt herrscht Erleichterung. Die Menschen kommen trotzdem in großer Zahl. Deborah, eine junge Frau, eröffnet die Veranstaltung. Mit klaren, entschiedenen Worten kommt sie rasch zur Sache. Alle im Raum spüren, dass es unsinniges Gerede ist, wenn Bischöfe behaupten, diese Themen würden nur eine alt werdende „Generation Vaticanum II“ interessieren. Die Conversation verläuft lebendig und engagiert. Deborah schließt mit ebenso klaren Worten ab. Diese Generation wird im Einsatz für eine offene Kirche noch einen Zahn zulegen. Und sich nicht durch die Kirchenleitung aussitzen lassen.

Am nächsten Morgen sonntägliche Eucharistiefeier in einer Pfarrgemeinde. Mittendrin eine Taufe. Die jungen Eltern fühlen sich hier zu Hause. Man kennt sie, und sie werden von der Gemeinde und von deren Priester bei der Taufe ihres Kindes liebevoll begleitet. Nach dem Gottesdienst kommen viele Junge und Alte im Vorraum der Kirche zu mir und bringen ihre Unterstützung zum Ausdruck. Sie wissen, dass wir uns für überschaubare Pfarregemeinschaften an der Basis einsetzen.

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ORF Orientierung, 28.07.2013 um 12:25 Uhr

Bildschirmfoto 2013-07-29 um 19.58.12>> Helmut Schüller auf USA-Tour (07:09)
Für viel Aufsehen sorgt derzeit ein Landpfarrer aus Österreich in den USA: Helmut Schüller, Pfarrer von Probstdorf, bekannter als Sprecher der Pfarrer-Initiative („Aufruf zum Ungehorsam“), hält Vorträge in insgesamt 15 US-Städten, um die heimische Reformbewegung weiterhin international zu vernetzen. Dass ihm der Bostoner Kardinal Sean O’Malley schon vorab ein Auftrittsverbot in Einrichtungen seiner Diözese erteilte, schürte das mediale Interesse: Die ersten Veranstaltungen mit Helmut Schüller – in Boston und New York – waren außerordentlich gut besucht. Auch in Österreich viel beachtet: ein „Ja“ Helmut Schüllers zur Möglichkeit der Eheschließung für homosexuelle Paare, in einem Interview mit ORF-USA-Korrespondentin Hannelore Veit.

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Detroit: Elephants in the Living Room

Elephants in the Living Room

Fr. Gerry Bechard, der Pfarrer der Gemeinde SS. Simon and Jude, ist ein Typ down to earth. Das hat vielleicht auch mit seinem bisherigen Leben zu tun. So war er war bei der US – Navy und zwei mal im Kriegseinsatz in Vietnam. Zur Zeit der ersten Aufdeckungen von Kindesmissbrauch in der Kirche wollten er und einige seiner Kollegen bei einer Priesterkonferenz mit dem Bischof  über das alles beherrschende Thema reden. Das Thema war aber nicht auf die Tagesordnung zu kriegen“, schüttelt er heute noch den Kopf.“Es war damals das Gefühl, als wären Elephanten im Wohnzimmer, und keiner will darüber reden“. Daraus ist die Idee entstanden, eine Initiative „Elephants in the Living Room“ zu starten: offene Diskussionen zu offenen Themen  zu anzubieten. Dazu gehören auch die Fragen zur Zukunft unserer Kirche, meinten die „Elephants“ rund um Fr. Gerry, und organisierten die Conversation mit mir in Detroit. Allerdings war das wieder nur außerhalb katholischer Räumlichkeiten möglich: in der Wayne Memorial High School. Sehr viele Menschen kamen aber auch dorthin.

HS2Beim Empfang danach in der Pfarre von Fr. Gerry war viel von den Elefanten im Wohnzimmer namens Kirche die Rede: von den vielen Themen und Fragen, über die die Kirchenleitung mit dem Kirchenvolk nicht reden will. Sehr zur Verwunderung der Bischöfe weichen dann diese offenen Diskussionen eben auf andere Plattformen aus und finden dann etwa in den bösen Massenmedien statt. Dazu fällt mir Dan Rea ein. Er hat mich am Anfang meiner Tour in seine Latenight Radiotalkshow eingeladen. „Ich bin katholisch“, meinte er in einer Sendungspause, “ und in manchen Ihrer Gedanken zur Kirche ziemlich anderer Meinung als Sie.  Aber wenn unser Kardinal hier Sie nicht auf kirchlichem Boden sprechen lässt, dann muss ich Sie zu mir in die Sendung holen. Was soll denn das für eine Kirche sein, in der nicht offen diskutiert werden kann?“

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