Eine Synode zu „Ehe und Familie“ – von gestern oder für heute?

Teilnehmer der Bischofssynode über Ehe und Familie am 08.10.2014. Bild: Mazur/catholicnews.org.uk

Teilnehmer der Bischofssynode über Ehe und Familie am 8.10.2014. Bild: Mazur/catholicnews.org.uk

Offenheit schön und gut…
Das Glas sei halb voll, lautet die weit verbreitete Einschätzung der bisherigen Ergebnisse der römischen Bischöfeversammlung zum Thema „Ehe und Familie“. Und tatsächlich sind Papst Franziskus im Zuge der Synode wichtige Durchbrüche gelungen: Schon im Vorfeld mit dem Coup, über die Bischofskonferenz hinaus – oder besser: um sie herum – das Kirchenvolk per Internet-Fragebogen in die Statuserhebung einzubeziehen. Dann mit der Verwandlung der Synode in eine Plattform für offene und freimütige Rede ohne die peinlichen Eiertänze rund um die Tabus des vatikanischen Lehramtes. Und natürlich auch mit dem päpstlichen Schutz für die „Abweichler“ unter den Synodalen – spürbar zum schweren Ärger der Hüter der Lehre. Last but not least, markierte auch die proaktive Transparenz der Veranstaltung nach außen einen Durchbruch – wiederum zum Ärger der Verfechter von Entscheidungen hinter verschlossenen Türen. Samt und sonders keine schlechten Voraussetzungen für die nächste Runde im Herbst 2015. Vor allem aber eine gute Gelegenheit, die Zeit bis dorthin aktiv zu nutzen. Denn der schwierigere Teil liegt noch vor uns.

…aber wo bleibt die Wertschätzung?
In der Synodenaula war viel und in neuer Nüchternheit von der „veränderten gesellschaftlichen Realität“ die Rede, in der sich Ehe und Familie heute abspielen. Die Wahrnehmung dieser Veränderungen scheint aber nach wie vor überwiegend negativ-pessimistisch. Hier braucht es endlich einen Perspektivwechsel: von der Angst vorm Tod der traditionellen Familie hin zu einer echten Wertschätzung für das, was sich an Positivem in neuen Zusammenlebensformen zeigt. Wo Menschen in Freiheit und Liebe Verantwortung füreinander übernehmen – jenseits von Blutsverwandtschaft, äußeren Bünden und Bekenntnissen – zeigt sich ein horizont-erweiterndes Verständnis von Partnerschaft und Familie. Ob sich die Synode zur Offenheit dazu wird durchringen können, dass auch die Lehre der Kirche vom Leben der Menschen lernen muss und nicht nur umgekehrt? Werden die Bischöfe auf dem Weg zur nächsten Synodenetappe ihre „Kirchenbasis“ zu freimütiger Rede auffordern – ähnlich hartnäckig, wie es Papst Franziskus in Rom getan hat? Etwa zu der Frage: Sind wir mit unseren bisherigen Beratungen schon bei Euren Anliegen und Erfahrungen angekommen? Der nächsten Synodenetappe würde eine ganz neue Beteiligung des Kirchenvolkes, nämlich auf Augenhöhe, guttun – wenn es wirklich um „Ehe und Familie heute“ gehen soll.

Vor Barmherzigkeit geht es um Gerechtigkeit
In den bisherigen kirchlichen Diskussionen über „Ehe und Familie“ ist viel die Rede von „Barmherzigkeit“. Ich frage mich: Ist auch schon genug von Gerechtigkeit die Rede? Geht die Lehre der Kirche mit den Lebenssituationen der Menschen gerecht um? Wird sie den Menschen und den Umständen, in denen heute Ehe und Familie, Partnerschaft und Beziehung zu leben sind, gerecht? Ist der pauschale Ausschluss von der Mitfeier der sakramentalen Heilszeichen nicht vor allem un-gerecht, mehr denn un-barmherzig? In anderem Zusammenhang meint das II. Vatikanische Konzil, es dürfe nicht aus Barmherzigkeit und Mitleid gegeben werden, was aus Gerechtigkeit geschuldet sei. Und schließlich stellt sich die Frage: Wird die Lehre der Kirche über Ehe und Familie jener Eigenverantwortung des Menschen gerecht, die das Menschsein eigentlich ausmacht? Bevormundung, die dem Menschen nicht zutraut, Entscheidungen aus eigener Gewissensverantwortung treffen zu können, wird der Würde des Menschen nicht gerecht.

Das aber setzt eine Neupositionierung der Kirchenleitung gegenüber dem Kirchenvolk voraus und den fälligen Friedensschluss der kirchlichen Autorität mit der Gewissensautorität des Einzelnen. Um nicht weniger geht es, wenn die Synode mehr geben will als bloß Antworten von gestern auf die Fragen von heute.

Ehe und Familie: Ein Thema für die EINE Welt
Nun mag sich mancher zu der Ansicht flüchten, dass die beschriebenen Herausforderungen allenfalls den nördlich-westlichen Teil der Welt beträfen. Dort, wo die meisten Katholikinnen und Katholiken leben und die Kirche ihre stärksten Zuwächse an Mitgliedern hat, im Süden und Osten, würden diese Fragen hingegen keine Rolle spielen. Ich neige eher zu einer anderen Einschätzung: dass nämlich so manche der diskutierten Fragen zu Ehe und Familie auch dort unter der Oberfläche schwelen, wo sie bisher (noch!) nicht öffentlich gestellt werden. Dass die Kirche im Westen und Norden bereits am stärksten in eine Entwicklung geraten ist, die schon bald auch in den anderen Teilen der Welt auf sie wartet. Wird sich die Weltbischofssynode für diese Einschätzungen öffnen oder, unterm Strich, den Westen/Norden abschreiben, um sich am Ende früher als gedacht von den Entwicklungen im Süden überrollen zu lassen?

Den bisherigen Durchbrüchen in Richtung Basisbefragung, offener Diskussionskultur und Transparenz nach außen soll nichts von ihrer Bedeutung abgesprochen worden. Aber wenn es tatsächlich um einen neuen Blick im Geiste Jesu auf „Ehe und Familie heute“ gehen soll… dann ist das Glas noch lange nicht halb voll.

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2 Antworten zu Eine Synode zu „Ehe und Familie“ – von gestern oder für heute?

  1. Silvia Brückner aus Deutschland schreibt:

    Der zweite Fragebogen wurde nur noch von wenigen Bischöfen auf den Websites der Diözesen veröffentlicht.

    Ich habe meinen Fragebogen deshalb beim Bistum Köln ausgefüllt unter Angabe der Diözese, zu der ich gehöre.

    Ich musste feststellen, dass sich die meisten Fragen an Seelsorger richten und sowohl inhaltlich als auch was die Verständlichkeit angeht, von Laien nicht zu beantworten sind.

    Die Fragen sind in einer völlig unverständlichen Theologensprache geschrieben. Ich habe mich trotzdem durchgequält.

    Primär ging es dabei darum „wie können wir unsere (alte) Lehre den Menschen von heute besser vermitteln, damit sie sich daran halten.“

    Inzwischen hat sich aber Kardinal Marx, der Vorsitzende der DBK, in einem Interview so geäußert, dass man wieder Hoffnung schöpfen kann. Sein Ziel ist es, in den Fragen, um die es auf der Synode geht, Unabhängigkeit für die Ortskirchen zu erreichen, sodass jede Bischofskonferenz eigene Lösungen erarbeiten und dann auch umsetzen kann.

    Von deutscher Seite nehmen teil:

    Kardinal Marx aus München, Bischof Bode aus Osnabrück und Bischof Koch aus Dresden – Meisen.

    Damit dürften wir gut aufgestellt sein.

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