Eine Synode zu „Ehe und Familie“ – von gestern oder für heute?

Teilnehmer der Bischofssynode über Ehe und Familie am 08.10.2014. Bild: Mazur/catholicnews.org.uk

Teilnehmer der Bischofssynode über Ehe und Familie am 8.10.2014. Bild: Mazur/catholicnews.org.uk

Offenheit schön und gut…
Das Glas sei halb voll, lautet die weit verbreitete Einschätzung der bisherigen Ergebnisse der römischen Bischöfeversammlung zum Thema „Ehe und Familie“. Und tatsächlich sind Papst Franziskus im Zuge der Synode wichtige Durchbrüche gelungen: Schon im Vorfeld mit dem Coup, über die Bischofskonferenz hinaus – oder besser: um sie herum – das Kirchenvolk per Internet-Fragebogen in die Statuserhebung einzubeziehen. Dann mit der Verwandlung der Synode in eine Plattform für offene und freimütige Rede ohne die peinlichen Eiertänze rund um die Tabus des vatikanischen Lehramtes. Und natürlich auch mit dem päpstlichen Schutz für die „Abweichler“ unter den Synodalen – spürbar zum schweren Ärger der Hüter der Lehre. Last but not least, markierte auch die proaktive Transparenz der Veranstaltung nach außen einen Durchbruch – wiederum zum Ärger der Verfechter von Entscheidungen hinter verschlossenen Türen. Samt und sonders keine schlechten Voraussetzungen für die nächste Runde im Herbst 2015. Vor allem aber eine gute Gelegenheit, die Zeit bis dorthin aktiv zu nutzen. Denn der schwierigere Teil liegt noch vor uns.

…aber wo bleibt die Wertschätzung?
In der Synodenaula war viel und in neuer Nüchternheit von der „veränderten gesellschaftlichen Realität“ die Rede, in der sich Ehe und Familie heute abspielen. Die Wahrnehmung dieser Veränderungen scheint aber nach wie vor überwiegend negativ-pessimistisch. Hier braucht es endlich einen Perspektivwechsel: von der Angst vorm Tod der traditionellen Familie hin zu einer echten Wertschätzung für das, was sich an Positivem in neuen Zusammenlebensformen zeigt. Wo Menschen in Freiheit und Liebe Verantwortung füreinander übernehmen – jenseits von Blutsverwandtschaft, äußeren Bünden und Bekenntnissen – zeigt sich ein horizont-erweiterndes Verständnis von Partnerschaft und Familie. Ob sich die Synode zur Offenheit dazu wird durchringen können, dass auch die Lehre der Kirche vom Leben der Menschen lernen muss und nicht nur umgekehrt? Werden die Bischöfe auf dem Weg zur nächsten Synodenetappe ihre „Kirchenbasis“ zu freimütiger Rede auffordern – ähnlich hartnäckig, wie es Papst Franziskus in Rom getan hat? Etwa zu der Frage: Sind wir mit unseren bisherigen Beratungen schon bei Euren Anliegen und Erfahrungen angekommen? Der nächsten Synodenetappe würde eine ganz neue Beteiligung des Kirchenvolkes, nämlich auf Augenhöhe, guttun – wenn es wirklich um „Ehe und Familie heute“ gehen soll.

Vor Barmherzigkeit geht es um Gerechtigkeit
In den bisherigen kirchlichen Diskussionen über „Ehe und Familie“ ist viel die Rede von „Barmherzigkeit“. Ich frage mich: Ist auch schon genug von Gerechtigkeit die Rede? Geht die Lehre der Kirche mit den Lebenssituationen der Menschen gerecht um? Wird sie den Menschen und den Umständen, in denen heute Ehe und Familie, Partnerschaft und Beziehung zu leben sind, gerecht? Ist der pauschale Ausschluss von der Mitfeier der sakramentalen Heilszeichen nicht vor allem un-gerecht, mehr denn un-barmherzig? In anderem Zusammenhang meint das II. Vatikanische Konzil, es dürfe nicht aus Barmherzigkeit und Mitleid gegeben werden, was aus Gerechtigkeit geschuldet sei. Und schließlich stellt sich die Frage: Wird die Lehre der Kirche über Ehe und Familie jener Eigenverantwortung des Menschen gerecht, die das Menschsein eigentlich ausmacht? Bevormundung, die dem Menschen nicht zutraut, Entscheidungen aus eigener Gewissensverantwortung treffen zu können, wird der Würde des Menschen nicht gerecht.

Das aber setzt eine Neupositionierung der Kirchenleitung gegenüber dem Kirchenvolk voraus und den fälligen Friedensschluss der kirchlichen Autorität mit der Gewissensautorität des Einzelnen. Um nicht weniger geht es, wenn die Synode mehr geben will als bloß Antworten von gestern auf die Fragen von heute.

Ehe und Familie: Ein Thema für die EINE Welt
Nun mag sich mancher zu der Ansicht flüchten, dass die beschriebenen Herausforderungen allenfalls den nördlich-westlichen Teil der Welt beträfen. Dort, wo die meisten Katholikinnen und Katholiken leben und die Kirche ihre stärksten Zuwächse an Mitgliedern hat, im Süden und Osten, würden diese Fragen hingegen keine Rolle spielen. Ich neige eher zu einer anderen Einschätzung: dass nämlich so manche der diskutierten Fragen zu Ehe und Familie auch dort unter der Oberfläche schwelen, wo sie bisher (noch!) nicht öffentlich gestellt werden. Dass die Kirche im Westen und Norden bereits am stärksten in eine Entwicklung geraten ist, die schon bald auch in den anderen Teilen der Welt auf sie wartet. Wird sich die Weltbischofssynode für diese Einschätzungen öffnen oder, unterm Strich, den Westen/Norden abschreiben, um sich am Ende früher als gedacht von den Entwicklungen im Süden überrollen zu lassen?

Den bisherigen Durchbrüchen in Richtung Basisbefragung, offener Diskussionskultur und Transparenz nach außen soll nichts von ihrer Bedeutung abgesprochen worden. Aber wenn es tatsächlich um einen neuen Blick im Geiste Jesu auf „Ehe und Familie heute“ gehen soll… dann ist das Glas noch lange nicht halb voll.

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Ein überraschender Fragebogen: Will „oben“ von „unten“ lernen?

imagesAuch nach mehrmaligem Lesen des zur Zeit wohl berühmtesten Fragebogens bleibt der Eindruck einer zumindest vielschichtigen, wenn nicht mehrdeutigen Botschaft. Dass es den Fragebogen gleich von Anfang an für alle im Internet gibt, ist schonmal bemerkenswert, schienen doch Basisbefragung und vatikanische Weltkirchenleitung noch bis vor kurzem eher ein Widerspruch in sich. Auch die Bischöfe dürften überrascht worden sein – und offensichtlich nicht alle angenehm. Das Jahrhunderte alte Top-Down-Schema ist gründlich durcheinander gebracht worden – ausgerechnet von „oben“. Der Papst tut sich mit der Kirchenbasis zusammen, und die Bischöfe müssen jetzt zusehen, wo sie in diesem Spiel bleiben. Bisher war ihnen die Rolle von Briefträgern nach „unten“ zugedacht. Oder die Sandwich-Position, wie es manche unverblümter sahen.

Durcheinander geraten ist aber nicht nur die bisherige Kommunikationsordnung der Kirche, sondern auch deren Lehrbetrieb. War bisher klar, dass die einen zu lehren und die anderen zu lernen haben, so sieht es nun so aus, als würden sich die Lehrenden auf ein Lernen einlassen wollen. Ganz neu ist diese Idee nicht. Papst Johannes XXIII. schwebte so etwas für das von ihm einberufene II. Vatikanische Konzil vor: denn die Kirche könne auch von den heutigen Menschen und von der Gesellschaft lernen. Und da die Getauften mit den Gaben des Heiligen Geistes beschenkt sind, ist damit zu rechnen, dass dieser Heilige Geist auch aus den Gläubigen, ihren Glaubens- und Lebenserfahrungen spricht. Was gerade zu den Themen und Fragen rund um „Ehe und Familie“ besonders wünschenswert ist.

Auf Lernbereitschaft der Kirchenleitung könnte auch das Bemühen hinweisen, die Fragen im Katalog weithin möglichst neutral zu formulieren. Die Fragen lassen nicht schon immer gleich durchspüren, welche Antworten erwünscht sind. Irritierend für alle, die sich von der Kirche klare und unverrückbare Antworten auf alles erwarten! Sie sollen wohl auch damit beruhigt werden, dass dem Katalog der 39 Fragen eine lange Darlegung der nach wie vor geltenden Lehre vorangestellt ist.

Was die einen beruhigen soll, mag die anderen eher skeptisch stimmen. Geht es tatsächlich darum, Glaubens- und Lebenserfahrungen an der Basis einzuholen, um eigene Lehrpositionen zu überprüfen und weiterzuentwickeln? Oder wird nur nach „Schwachpunkten“ bei den Gläubigen und in der Seelsorge gesucht, die dann mit intensiverer „Vermittlung“ der bisherigen Lehre behoben werden sollen? Die Signale von Papst Franziskus gerade rund um die Themen „Ehe und Familie“ gehen bisher in verschiedene Richtungen. Noch dürfte bei den meisten die Annahme überwiegen, dass er die Glaubens- und Lebenserfahrungen der Gläubigen als Chance für die Kirche sieht und nicht als Gefahr.

An der Kirchenbasis wird man gut daran tun, den Fragebogen so sorgfältig und deutlich wie nur möglich auszufüllen. Die Pfarrgemeinderäte und die Kirchenreformbewegungen werden aufmerksame und konsequente Partner der Bischöfe sein müssen, um einen transparenten und umfassenden Transport der Antworten nach „oben“ zu garantieren. Was immer hinter dieser überraschenden Premiere stehen mag: Für das Kirchenvolk ist es eine schon sehr, sehr lange nicht da gewesene Chance, den ihm zukommenden Platz einzunehmen.

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Ein vatikanisches „Laien-Ministerium“? Noch wedelt der Schwanz mit dem Hund.

Im Vatikan soll der bisherige „Päpstliche Rat für die Laien“ zu einer „Kongregation“, einer Art Ministerium, aufgewertet werden. Eine strukturelle Konsequenz der Bemühungen von Papst Franziskus um mehr Nähe zu den Menschen, zum „Volk“. Zweifellos „ein  Schritt in die richtige Richtung“, wie man heute so gerne sagt, wenn man einerseits Geschehenes würdigen will und andererseits doch meint, dass da noch viel mehr kommen muss. Vor allem aber wirft diese Maßnahme ein grelles Licht auf den Ist-Stand, auf den Ausgangspunkt für die sich abzeichnenden Reformen. Das „Kirchenvolk“, dem angeblich alle Ämter und Dienste in der Kirche dienen sollen, ist derzeit gerade einmal Thema  e i n e r, noch dazu deutlich niederrangigen vatikanischen Behörde. Und die wurde auch erst im Zuge des II. Vatikanischen Konzils und dessen Wiederentdeckung des Kirchenvolkes geschaffen – mit einem Nicht-Laien, einem Bischof, als Leiter.

Ohne die Arbeit des Päpstlichen Rates für die Laien geringschätzen zu wollen: Hier wedelt – um es salopp, aber keineswegs übertrieben auszudrücken – der Schwanz mit dem Hund. Und das Kirchenvolk bekommt das tagtäglich zu spüren. In Limburg, wo es zuschauen und raten darf, was hohe geistliche Herren bezüglich der Zukunft seines Diözesanbischofs „vertraulich“ aushandeln. In der slowakischen Diözese Trnava, wo die Kirchenbasis nicht einmal gewürdigt wird, die Gründe für die brutal durchgezogene Absetzung des Bischofs zu erfahren. Und überall dort, wo Bischöfe mittels Zusammenlegung von  Pfarrgemeinden zu immer anonymeren „Seelsorgegroßräumen“ den Pfarrermangel verwalten. Über die Köpfe der Menschen hinweg, die Tag für Tag ihre Pfarrgemeinde am Leben erhalten und viele Ideen hätten, wie es weiter gehen könnte. Die Ideen passen nur nicht in das Kirchenkonzept der Kirchenleitung, die die Getauften als „Laien“ im umgangssprachlichen Sinn des Wortes betrachtet und behandelt: als unzuständiges und unqualifiziertes Fußvolk.

Was in der Tauffeier und vielen feierlichen Lehrdokumenten beschworen wird, damit wird im Kirchenalltag (noch) nicht ernsthaft gerechnet: dass nämlich der Geist Gottes auch und in vielen Fragen gerade aus den Glaubens- und Lebenserfahrungen der „Laien“ und deren Einschätzung von Fragen und Problemen sprechen kann. Für die Getauften wird vielleicht demnächst eine eigene vatikanische Kongregagtion, ein Art „Ministerium“ eingerichtet werden. Bis zum Umgang mit ihnen als mündigen Kirchenbürgerinnen und Kirchenbürgern, die sich in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen dürfen, ist es aber noch ein weiter Weg.

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Wien: Die Welle nutzen – Und es geht weiter!

Eigentlich wollten wir ja Rückschau halten – auf die Speaking Tour und ihre Ergebnisse. Statt dessen wird der nachbereitende Skype-Call mit den lokalen Veranstaltern sehr rasch zum Ausblick.

Natürlich war die Tour organisatorisch betrachtet ein großer Erfolg: Dass 5.000 Gläubige unsere Veranstaltungen besuchen würden, Tausende weitere sich via Internet-Livestreaming und Blog mit einklinken und die internationale Presse fast täglich berichtet – damit hatten weder ich, noch die Pfarrer-Initiative, noch die lokalen Veranstalter gerechnet. Und für die Vernetzung US-amerikanischer Kirchenreformgruppen war die gemeinsam veranstaltete Speaking Tour ein Meilenstein. Umso mehr stellt sich jetzt die Frage, wie es weitergehen könnte, wie die entstandene Welle genutzt und unser gemeinsamer Einsatz für eine Kirchenreform im Geist des II. Vatikanischen Konzils vorangetrieben werden kann.

Es ist morgens um 6.00 Uhr US-amerikanische Zeit und Chris Schenk, die die Speaking Tour als Sprecherin von „Future Church“ zusammen mit den anderen Kirchenreformbewegungen organisiert hat, versprüht ihre übliche Power. An ihrer Seite Deborah Rose-Milavec, ihre junge Nachfolgerin in spe bei Future Church.

Wie immer sind wir uns schnell einig, um welche Punkte es in der weiteren Zusammenarbeit gehen muss: Die Getauften, die „Laien“ sollen darin ermuntert und gestärkt werden, ihre „KirchenbürgerInnenrechte“ einzufordern und schließlich auch zu erlangen. Die Gemeinden an der Kirchenbasis müssen darin unterstützt werden, sich zu wehren gegen Schließungen und Fusionierungen zu „Mega-Pfarren“, wie sie die Bischöfe in Reaktion auf den Priestermangel derzeit betreiben. Mit den KirchenbürgerInnen und Kirchenbürgern zusammen werden wir um eine Öffnung des Priesteramtes für verheiratete Männer und für die Frauen kämpfen. Und insgesamt für eine offene und einladende statt einer ausschließenden Kirche!

Da wir eine weltweite Kirche sind, müssen wir uns auch weltweit für deren Öffnung und Reform engagieren – und zwar gemeinsam. Auch da packen Chris und Deborah gleich konkret mit an: Sie werden zum ersten internationalen Treffen der Priesterinitiativen Mitte Oktober in Bregenz kommen, ihre Erfahrungen aus der US-Netzwerkarbeit einbringen und zusammen mit den Priestern und anderen „Laien“-Reformbewegungen internationale Vorstöße für eine Kirchenreform im Geist des II. Vatikanischen Konzils vorbereiten.

Denn in einer Zeit, in der ein Papst plötzlich ein Kirchenreformthema nach dem anderen enttabuisiert, ist schnelles Handeln geboten. Da geht es jetzt nicht um staunendes Abwarten, sondern um aktive Nutzung der neuen Öffnungen. Das wird diesseits und jenseits des Atlantiks deutlich gesehen – und wohl auch in den anderen Teilen der Weltkirche.            

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New York: Ein starker Abend über Kirchenreform und ein Portier mit Tausenden Red Ribbons

Letzte Station: Manhasset, New York: Lokale Veranstalter & Schüller auf den Stufen der St. Patrick's Cathedral, kurz vor Übergabe der gesammelten Bänder, 07-08-2013

Manhasset, NYC: Vor der St. Patrick’s Cathedral mit den gesammelten „red ribbons“, 07-08-2013

Pat Paone kämpft seit vielen Jahrzehnten um eine offene und nach vorne schauende Kirche. Mit ihren Weggefährtinnen und Weggefährten hatte sie auch für den Abend im Saal der Unitarian Universalist Congregation sehr viele Menschen zusammentrommeln können. Als sie begrüßt und dabei von „u n s e r e r  Kirche“ spricht, spürt man ihre starke Verbundenheit. Diese Verbundenheit hat sich nicht davon irritieren und entmutigen lassen, dass ihre Vorstellungen von Kirche mitsamt der vielen Erfahrung  in Leben und Glauben von der Kirchenleitung arrogant als „zu wenig gläubig“ oder unbedeutend beiseite geschoben werden. Auch an diesem Abend in New York, der Stadt der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, wird die Forderung nach Grundrechten für alle in unserer Kirche laut, – wie schon bei den Treffen in den anderen Städten.

Letzte Station: Manhasset, New York. Schüller mit den gesammelten Teilnehmer-Bändern, 07-08-2013

Am Tag danach überbringen wir die eingesammelten roten Bänder der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Abenden dieser 15 Städte -Tour dem Erzbischof von New York. Aber weder ihm selbst noch jemandem aus seinem Büro konnten die Bänder übergeben werden. Wir sollten sie an der Portierloge des Zentrums der Erzdiözese abgeben, hatte es nach fast zwei Monate langen Bemühungen des Organisationsteams um einen Übergabetermin geheissen. Der Portier nimmt den Korb etwas verdutzt, aber sehr freundlich entgegen.

Davor hatten wir mit den roten Bändern die St. Patricks Cathedral aufgesucht. Auf deren Stufen gab es noch ein Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern von Kirchenreformbewegungen in den USA. Beim Verlassen der  Kathedrale nach einem kurzen Gebet waren uns einig: Dieses Kirchengebäude, eingezwängt zwischen den modernen Wolkenkratzern und zur Zeit aussen und innen bis oben eingerüstet, ist ein treffendes Symbol für die Kirche: für ihrenBedarf an Erneuerung und für ihren Auftrag, Kirche für diese Zeit und deren Menschen zu sein.

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Seattle: Junge Ungeduld mit der Geduld und geduldige KämpferInnen

400 TeilnehmerInnen kamen in die Seattle United Methodist Church, 05-08-2013

400 TeilnehmerInnen kamen in die Seattle United Methodist Church, 05-08-2013

Die jugendliche Teilnehmerin an der Conversation in der First United Methodist Church in Seattle tritt nach kurzem Zögern doch ans Mikrofon. Sie fragt mich, was sie und ihre Generation von der Kirche zu erwarten hätten. Ob das, was ich soeben über die Kirchenvisionen des II. Vatikanischen Konzils erzählt hatte, bald verwirklicht werden könnte. Ich versuche, dem Mädchen zu vermitteln, warum ich da Hoffnung habe. Gleichzeitig geht mir durch den Kopf, dass meine Gesprächspartnerin die Tochter oder Enkeltochter des größten Teils der Versammelten sein könnte. Als ich darauf zu sprechen komme, dass wir selbst mit ganz konkreten Reformschritten beginnen müssen und nicht nur auf die große Reform warten dürfen, nickt sie zustimmend. Und wieder einmal wird mir klar, warum so wenige aus ihrer Generation an Versammlungen wie diesen interessiert sind. Sie haben keine Geduld mit unserer Geduld für ein Jahrzehnte langes Ringen mit der Kirchenleitung um Reformen. Tun wir es doch, wenn wir es für richtig halten, ist ihre Perspektive. Wirkliche Autorität hat für sie, wer als hilfreicher Ermöglicher und Förderer erlebt wird. Wahrscheinlich sind junge Menschen mit Interesse für eine Reform der Kirche besser in Gemeinden aufgehoben, in denen Reform bereits gelebt wird und von ihnen miterlebt und  mitgestaltet werden kann

Seattle, 05-08-2013

Seattle, 05-08-2013

Ein anderer jugendlicher Teilnehmer ist mit seinen Großeltern zur Conversation gekommen. Ich frage ihn scherzhaft, ob er sich denn unter den vielen Erwachsenen und Älteren nicht ein wenig verloren komme. Nein, gar nicht, meint er. Im Gegenteil. Ihn interessiere sehr, wofür sich seine Großeltern in ihrem Alter immer noch so begeistert engagieren. Das hat natürliche Autorität für ihn. Übrigens auch für mich: ich habe in diesen drei Wochen in viele junge Gesichter alter Katholikinnen und Katholikinnen schauen können. In ihnen lebt das Zweite Vatikanische Konzil mit seinem geistigen Aufbruch. Und sie setzen sich für diesen Aufbruch unbeirrt ein. Ich sitze hier auch für meine Kinder und Enkelkinder, erzählt mir eine dieser alten Kämpferinnen, für eine Kirche, mit der sie sich identifizieren können.

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Portland: Ungewöhnlicher Einstand für eine Pastorin

300 Zuhörer in der Central Lutheran Church, 04-08-2013

300 Zuhörer in der Central Lutheran Church in Portland, 04-08-2013

Ob sich die junge Pastorin den ersten Tag ihres Dienstes in der Gemeinde der Central Lutheran Church in Portland so vorgestellt hatte? Wohl kaum. Denn am Nachmittag dieses Sonntags hatte sie in ihrer Kirche Hunderte Katholikinnen und Katholiken zu begrüßen, die zur Conversation mit mir versammelt waren. Ihr Vorgänger hatte dem Catholic Tipping Point – Organisationsteam die Kirche dafür zur Verfügung gestellt. Aber nicht nur die junge Frau war von dieser eigentümlichen Fügung sichtlich berührt. Auch wir Gäste spüren in diesem Moment die Besonderheit dieser ökumenischen Gastfreundschaft.

Wirkliche Ökumene, Gemeinschaft am Tisch Jesu über die Grenzen zwischen den christlichen Kirchen hinweg, ist dann auch eines der Themen der Conversation. Und, warum uns Christinnen und Christen der verschiedenen Kirchen so vieles an Freundschaft und Zusammenarbeit schon längst verbindet, aber ausgerechnet die Eucharistiefeier, das Abendmahl an getrennten Tischen gefeiert werden muss. Auch von den mutigen Gemeinden ist die Rede, die die offizielle Trennlinie prophetisch überschreiten. Weil sie nicht mehr verstehen können, warum es am Tisch Jesu, dem stärksten Zeichen des Vermächtnisses Jesu für Einladung und Zusammenführung, Ausschließung geben soll.

Wie stark Gemeinschaft um den Tisch Jesu sein kann, hatte ich schon am Vormittag dieses Sonntags in der Pfarrkirche St. Francis of Assisi erleben können. Diese Pfarrgemeinde versucht wirklich, das, was sie feiert, auch zu leben. Von der Begrüßung beim Kircheneingang durch Valerie Chapman, Pastoral Adminstrator der Pfarre,  über die Aufforderung der erstmals Anwesenden, sich vorzustellen, bis zur Selbstverständlichkeit, mit der Obdachlose neben Menschen mit deutlich mehr Glück im Leben die Messe mitfeiern. Auch die Schreianfälle eines der Obdachlosen mitten in die Feier hinein können den Rahmen nicht sprengen. Für diese Gemeinde ist es auch zur Selbstverständlichkeit geworden, die „communio“ der Eucharistiefeier gleich auch ganz konkret zu verstehen. Sie nehmen beim Verlassen der Kirche vorbereitete Überlebensmittelpakete mit, die sie im Lauf der Woche Menschen in Not persönlich übergeben wollen. Im Saal unter der Kirche ist dann Frühstück für wirklich alle. Auch für einen Obdachlosen, der gar nicht bei der Messe gewesen war, gibt es Kaffee und Muffins.

Gemeinsamkeit ist auch in der Leitung der Eucharistiefeier in St. Francis zu spüren. Valerie Chapman und Fr. Robert Krueger, der Priest Moderator der Gemeinde, führen miteinander durch den Gottesdienst. Man merkt es dem alten Geistlichen an, dass er dankbar ist für dieses Miteinander. Er weiß die Gemeinde bei Valerie in guten Händen. Hinterher erfahre ich von Mitgliedern der Gemeinde, dass Valerie vorsichtig sein muss. Irgendetwas braue sich über ihr und der Gemeinde seitens der Diözese zusammen. Angst geht um in der katholischen Kirche der USA. Sie begleitet mich durch alle Conversations und Meetings mit Priestern. Angst bei denen, die stattdessen Rückenwind und Unterstützung von ihren Bischöfen brauchen würden.

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